E-Mobilität: Schöne neue Mobilitätswelt oder doch gefangen im Mega-Trend-Hype-Cycle?

Eines steht fest, ohne grundlegende Weichenstellungen und mehr Begeisterung für die E-Mobilität wird es keine E-Mobilitätswende geben. Doch die Elektromobilität allein wird eine Verkehrswende nicht ausrichten. Erst das Zusammenspiel vieler ausgereifter Technologien und innovativer Mobilitätslösungen in Verbindung mit erneuerbaren Energien und digitalen Lösungen bringt neue Klangfarbe in den Verkehrssektor. Pfiffige Startups und nicht auf den Kopf gefallene Unternehmen werden die Musik in den vor ihnen liegenden Business Cases erkennen und selbst den Ton und Takt angeben.

1 Mio E-Pkw schaffbar bis 2022

Die Elektromobilität in Deutschland kommt allmählich ins Rollen. Ein Blick auf den aktuellen Fahrzeugbestand in Deutschland verrät: Von insgesamt 57,3 Millionen Kraftfahrzeugen bilden 47 Millionen Pkw die am häufigsten vertretene Fahrzeugklasse. Hier haben im vergangenen Jahr 2018 die alternativen Antriebsarten, wie Elektro- und Hybridfahrzeuge ein deutliches Marktwachstum hingelegt. So wuchs ihr Bestand von 53.861 auf 83.175 zugelassene E-Pkws und von 236.710 auf 341.411 Hybrid-Pkws. Damit legten sie zwar ordentliche Steigerungsraten hin. Diese lagen zwischen 45 und 55 Prozent. Im Vergleich zum Anteil an Fahrzeugen mit Diesel- und Benzinmotor ist ihr Anteil in Deutschland jedoch nach wie vor bescheiden gering.

Demzufolge ist kaum jemand überzeugt, dass die Bundesregierung ihre im Jahr 2007 ausgegebene Zielmarkte bis zum Jahr 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf deutsche Straßen zu bringen, erreichen wird. Dennoch gehen aktuelle Schätzungen davon aus, dass dieses Ziel im Jahr 2022 erreicht werden könnte. Das wären lediglich zwei Jahre Verzug und akzeptabel, wenn sich der Elektrotrend anschließend weiter fortsetzt. Dann könne sogar mit zwei bis drei Millionen E-Fahrzeugen im Jahr 2025 auf den Straßen hierzulande gerechnet werden. Das würde einen Marktanteil von immerhin fünf Prozent bedeuten. Ein parallel betriebener zügiger Ausbau der E-Ladeinfrastruktur auf bis zu 200.000 Ladepunkte inklusive von Schnellladeoptionen könnte dann die Frage nach dem Beladen der Fahrzeuge schnell obsolet werden lassen. Das wiederum würde dem E-Mobilitätsmarkt weiteren Auftrieb geben.

Deutscher E-Funke noch nicht gezündet

Doch noch hält sich die Begeisterung hinsichtlich der E-Mobilität in der deutschen Bevölkerung in Grenzen. Eine aktuelle von E.ON und KantarEMNID durchgeführte repräsentative Umfrage in zehn Ländern Europas und der Türkei kommt zu dem Schluss, dass sich in Deutschland nur ein schwindend geringer Teil, gerade einmal sieben Prozent der Befragten, sich in den kommenden fünf Jahren vorstellen kann, dass mehr Elektrofahrzeuge als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor auf deutschen Straßen verkehren.

Das zeigt die Skepsis gegenüber der Elektromobilität ist nach wie vor groß und das trotz aller erzielten Fortschritte in Bezug auf Reichweite der E-Fahrzeuge, Ladeinfrastruktur, Preise und Vielfalt der Modelle. Zwar gibt es inzwischen, laut Erhebung des Bundesverbands der deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) über 16.000 Ladepunkte deutschlandweit (Stand Ende 2018) und muss dank zahlreicher verfügbarer Apps kaum ein E-Fahrzeugfahrer befürchten ohne Strom liegen zu bleiben. Der Funke zum E-Fahrzeug ist dennoch nicht auf die breite Masse übergesprungen.

Während in den nord- und südeuropäischen Ländern die Begeisterung für die E-Mobilität deutlich größer ausgeprägt ist, stehen lediglich unsere osteuropäischen Nachbarn der Elektromobilität noch skeptischer gegenüber. Daher stellt sich die Frage, was muss geschehen, damit die E-Mobilitätswelle auf eine breite Nutzerschaft überschwappt und sich der Anteil der Elektromobilitätsbegeisterten in der deutschen Bevölkerung deutlich erhöht?

E-Mobilität als Mobilitäts-Allheilmittel?

Denn so gesehen bringt die E-Mobilität eine ganze Reihe an Vorteilen mit sich. Wie eine aktuelle Untersuchung des Umweltbundesministeriums (BMU) zeigt, verfügen E-Fahrzeuge in ihrer Gesamtheit betrachtet über deutliche Vorteile gegenüber den Verbrennern. Zudem zeichnet sie eine deutlich positivere Umweltbilanz aus. Sie beeinträchtigen weniger Gesundheit, Umwelt und Klima, wenngleich auch sie keine „Mobilitäts-Allheilmittel“ sind. Dennoch ist ihre Energieeffizienz wesentlich höher und in Verbindung mit der Schnittstelle erneuerbare Energie erzeugen sie weitaus weniger Emissionen sowie Feinstaub. Im innerstädtischen Betrieb sind E-Fahrzeuge leiser und verursachen weniger Lärm.

Die Herstellung der Elektrofahrzeuge kann zudem ebenfalls ressourcenschonender erfolgen, denn es werden weitaus weniger Einzelkomponenten benötigt. Das reduziert zudem Herstellungskosten, auch wenn die Batterie der E-Fahrzeuge einen sogenannten „Bottle-Neck“ bildet. Durch Recycling und Wiederverwertungskonzepte lassen sich diese ungewollten Begleiterscheinungen ebenfalls mindern. Zudem ist mit weiteren technologischen Entwicklungen in den kommenden Jahren bei den Batterie- und Speichertechnologien zu rechnen.

Ein weiterer Bonus der E-Fahrzeuge ist, dass sie nicht nur einer elektrifizierten Verkehrswende Vorschub leisten, sondern insgesamt einen Beitrag für die Energie-Verkehrswende. Allein ihr Betrieb mit erneuerbarem, dezentral erzeugten „Kraftstoff“ kann sie weitaus günstiger im Betrieb machen und zudem teure Rohstoffimporte verringern. Weitere Effizienzgewinne können sich durch bidirektionales Laden, Energiespeicheroptionen aufgrund der Batterie in den Fahrzeugen und ihren Einsatzmöglichkeiten für Smart Grids ergeben, insofern die technischen und regulatorischen Voraussetzungen für diese Anwendungen geschaffen werden. Damit kommen wir zum nächsten Punkt.

Das unlösbare? Ganzheitlichkeits-Puzzle

Die Elektromobilität wird ihre Vorzüge vor allem dann ausspielen können, wenn sie in ganzheitliche Mobilitätskonzepte eingebettet ist. Das bringt ebenso neue Geschäftschancen auf den Plan, wie auch neue Kooperationsmöglichkeiten für Player aus unterschiedlichen Bereichen und Branchen. Spannend wird es dann, wenn digitale Technologien und Anwendungen von Automobil-, Energie- und Wohnungswirtschaft mit Städtepolitik zusammengehen. Dann entstehen zum Beispiel vollkommen neue Ansätze im Sinne einer Smart City.

Ganzheitlich gedachte Mobilitätskonzepte bringen die Vorzüge der Elektromobilität erst richtig zum Vorschein, wenn sie an intermodale Verkehrskonzepte und nahtlose Reiseoptionen geknüpft sind. Infrastrukturlösungen zahlen in neue Business Cases ein. So ist Christopher Burghardt, Geschäftsführender Direktor Europa beim globalen Lade-Spezialisten ChargePoint überzeugt, „wenn es keinen Preisunterschied mehr gibt, wird sich das E-Auto schnell durchsetzen.“ Nur damit das geschieht, braucht das Businessmodell Support durch neue Mobilitätsoptionen wie Ride-Sharing, Pooling, intermodale Mobilität in Verbindung mit digitaler Vernetzung.

E-Mäuse im Smart-City-Wimmelbild

So können Städteplaner, Energieversorger, Infrastrukturanbieter, Serviceunternehmen und Startups gemeinsam an E-Mobilitätslösungen arbeiten. Hierbei ginge es ebenso um geteilte Infrastrukturen und Retail-Optionen für Ladeinfrastruktur. Denn auf die kommenden Jahre wird sich das Produkt Strom als Erlösmodell für die E-Mobilität aufgrund einer zu geringen Auslastung kaum tragen. „Businessmodell der Ladeinfrastruktur ist es, ein anderes Businessmodell zu unterstützen“, so Burghardt im Podcast digitalkompakt weiter. Vielversprechend ist Serviceleistungen für Anbieter von Ladeinfrastruktur zu erbringen oder neue Nutzungsoptionen für Gebäude zu schaffen. Auch die Parkraumbewirtschaftung stellt eine weitere interessante Option dar.

Somit arbeiten nicht nur etablierte Unternehmen an Smart Mobility Konzepten und Lösungen, sondern ebenso viele Start-ups. Damit ihre Lösungen greifen und diese sich am Markt etablieren können, braucht es jedoch nicht nur Innovationsfreude und Investitionsbereitschaft. Ebenso spielen Anreize und ein politisch gesetzter Rahmen eine zentrale Rolle. Doch noch liegt der Fokus der Regulierung und Förderung zu stark auf bestehenden Mobilitätsvorstellungen, die im privaten Pkw-Besitz begründet sind. Damit ein Paradigmenwechsel hin zu einer smarten elektrifizierten Mobilität gelingt, braucht es jedoch ganzheitlich gedachte Verkehrs- und Infrastrukturen und eine Politik, die diese begünstigt.

Reize, Regeln & Paradigmen

Hier sieht der edna Bundesverband Energiemarkt & Kommunikation e.V. akuten Handlungsbedarf. Gerade in Hinblick auf die Standardisierung der Marktprozesse bei der E-Mobilität und einer netzdienlichen Steuerung gäbe es Defizite. So fehle es laut edna-Vorstand Bernhard Mildebrath, Schleupen AG, derzeit selbst an einheitlich festgelegten Definitionen der Marktrollen im Bereich der E-Mobilität. „Einmal ist vom EMP, dem E-Mobility-Provider, einmal vom CSP, dem Charge-Service-Provider, die Rede. Ähnlich ist es beim CPO, dem Charge-Point-Operator. Alle damit zusammenhängenden Prozesse sind proprietär, Standards existieren nicht“, so Mildebrath bei einem edna-Fachtreffen im März 2019. Damit Handlungsspielräume für Marktakteure entstehen, sind gesetzliche Regelungen, Standardisierung und Normung unerlässlich.   

Und nu?

An zahlreichen Stellschrauben kann gedreht werden, um smart (E-)Mobility Lösungen zu befördern. Solange wie es keine Standards gibt, politisch gesetzte Anreize nicht hinreichend attraktiv sind, E-Fahrzeuge vergleichsweise teuer und es an einer Schnellladeinfrastruktur fehlt, kann die E-Mobilität ihre Vorzüge nicht ausspielen. In Verbindung mit neuen Smart (E-)Mobility Konzepten ließen sich solche Nachteile jedoch überwinden. Sie würden allerdings mit einer smart (E-)Mobility Revolution einhergehen, da sie auf vollkommen neuen Mobilitätsvorstellungen fußt, die nicht länger einem Pkw-zentrierten Individualverkehr zuträglich ist.

Vielmehr würden sie auf intelligenten Mobilitätslösungen basieren, die nahtloses, komfortables, preiswertes und grünes Reisen ermöglichen. Hierfür könnte ein elektrifizierter Verkehr die Grundlage und Voraussetzung für einen Neubeginn im Verkehrssektor und für eine „Verkehrs-Energiewende“ sein. Anbieter, die ihren Kunden entsprechende Mobilitätsservices im Rahmen innovativer Business Cases offerieren, könnten hierbei gegenüber ihren Mitbewerbern punkten. Die Frage ist, was braucht es konkret, um neue Mobilitätsangebote am Markt zu etablieren? Welche Rahmenbedingungen, welche Anreize sind nötig, damit sich smart (E-)Mobility Solutions in der Breite realisieren lassen und der Übergang in eine neue Mobilitätswelt erfolgt?

TOL – Thinking out loud

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Hier ein paar Fragen an euch als Anregung für Kommentare und den Einstieg in die Debatte:

  1. Was müsste getan werden, damit die Elektromobilität in Deutschland weiter vorankommt?
  2. Was sind Hauptbarrieren, die es zu überwinden gilt?
  3. Wie trägt die E-Mobilität zur Verkehrs-Energiewende bei?
  4. Wer kennt Projekte und Good Practice Beispiele für ganzheitliche smart (E-)Mobility Lösungsansätze?

Wir freuen uns über einen weiteren Austausch mit euch!

 


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