Energiewirtschaft im Digitalisierungs(NOT)-Stand? Teil 2

Was die Vergangenheit über Energieunternehmen verrät

Skizziert man die historische Entwicklungslinie der Energiebranche und von Energieunternehmen nach, so gab es hier fortwährend Veränderungen. Mit Beginn der Elektrifizierung aller Lebensbereiche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sprossen zahlreiche Neugründungen aus dem Boden. Zu dieser Zeit waren es die Energieverteilungsunternehmen, die aus der Taufe gehoben wurden. Viele Stadtwerke erlebten ihre Geburtsstunde.

Mit der Marktliberalisierung am Ende des 20. Jahrhunderts und der damit einher gehenden freien Anbieterwahl bildeten sich Energieversorgungsunternehmen und Stadtwerke heraus, die nicht länger nur für die Verteilung und den Verkauf von Energie zuständig sind. Ihre Mission besteht darin, mit einem breiten Angebot an Energiedienstleistungen ihre Kunden abzuholen. Das geschieht zunehmend unter Einsatz neuer modernder Informations- und Kommunikationstechnologien, sprich IKT und hat ein Verschmelzen der Branchen Energie- und IT zur Folge.

Warum sich Geschäftsmodelle von Energieunternehmen lange Zeit unverändert trugen

Das sich zuvor die Geschäftsmodelle der Energieversorger über einen längeren Zeitraum trugen, ohne große Anpassungen zu tätigen, lag zum einen an den relativ konstanten Marktbedingungen und reglementierten Settings. Zum anderen hat sich das Produkt Strom oder Energie kaum verändert. Mit wachsendem Angebot an elektrischen Geräten, Exportüberschüssen und Wirtschaftswachstum stiegen zudem Strom- bzw. Energienachfrage. Das brachte fortwährenden Umsatz und Gewinne.

Masten für Strom

Diese rosigen Zeiten für Energieversorger erhielten mit der Marktliberalisierung und dem Eintreten neuer Anbieter auf den Markt erste Dellen. Sie waren zu verkraften. Erst das Auftreten neuer Technologien zur Jahrtausendwende brachte mit den Veränderungen am Markt Einschnitte. Neben wachsender Komplexität stellten sich weitere Herausforderungen an die Marktteilnehmer. Im Energiesektor zeigte das EEG Wirkung und technische Fortschritte sowie Skaleneffekte bei den erneuerbaren Energien Technologien in Verbindung mit neuen Informations- und Kommunikationstechnologien taten ihr Übriges. Sie sorgten nicht überall für Aufbruchstimmung. Parallel dazu machte sich eine Gründerwelle breit. Neue Anbieter traten und treten auf den Markt. Ihre Geschäftsmodelle, Produkte und Services verändern seitdem stetig Angebot und Nachfrage und damit den Markt gleichermaßen.

Energiewirtschaft im Wandel

Aktuell zeichnen sich bereits weitere Veränderungen ab. Im Zuge der so genannten Sektorenkopplung wird es ein Verschmelzen, nicht nur von Energie- und IT, sondern auch dem Mobilitäts- und Gebäudesektor, Industrie und öffentlicher Infrastruktur geben.

Digitalisierung meint demzufolge zweierlei: Zum einen den Einsatz von IT-Tools und Technologien in Unternehmen selbst und zum anderen eine übergreifende Vernetzung aller Bereiche und Branchen durch Einsatz dieser Tools.

Das wiederum führt zu umfangreichen Marktveränderungen und -anpassungen und damit neuen Wettbewerbssituationen. Es ruft neue Player sowie bestehende aus anderen Sektoren auf das Spielfeld. Gleichzeitig kommen neue Kooperationen und Beteiligungen zustande. Derzeit gehen vor allem große Energieversorgungsunternehmen das Thema proaktiv an. Während das Engagement von kommunalen Stadtwerken noch sehr verhalten ist.

Ein Grund dafür sind die regulatorischen Limits, die bestimmte Aktivitäten beschränken. Doch Freiräume außerhalb der Gemeindeordnung gibt es. Sie gezielt auszuloten oder sich beispielsweise mit anderen kommunalen Versorgern die Hand reichen, um gemeinsam Projekte mit Start-ups und Unternehmen aus anderen Branchen zu starten. Diese Möglichkeiten bestehen, um Innovationen vor Ort für die regionale Wertschöpfung gezielt einzusetzen und sich darüber hinaus neue Geschäftsfelder zu erschließen. Solange Investitionen von Stadtwerken in Start-ups keinen spekulativen Charakter erhalten und sie zur strategischen Ausrichtung des Kerngeschäfts passen.

Eine Beteiligung an Pilotprojekten von Ausgründungen aus Forschungsinstituten ist beispielweise eine Möglichkeit, von Anfang an neue Technologien in der Praxis zu erproben und sich darüber wertvolles Know-how zu erschließen. Pilotprojekte stehen nicht ad hoc unter dem Zwang der wirtschaftlichen Profitabilität, können sich jedoch als Zukunftsinvestition für neue Geschäftsbereiche erweisen. Zudem sind technologieorientierte Gründungen in der Regel an Forschungseinrichtungen und Universitäten angedockt, was sich positiv auf die Frage nach zukünftigen qualifizierten Personal auswirkt. Aber auch Kooperationen und Beteiligungen an Firmen aus branchenfremden Bereichen bieten Vorteile, da sie ebenfalls Zugang zu neuen Märkten, Technologien und Geschäftsfeldern verschaffen. Bislang sind es vor allem große und mittlere Energieunternehmen, die mit Start-ups kooperieren und sich an ihnen beteiligen. Kommunale Stadtwerke sind derzeit kaum vertreten.

Vier Beispiele, bei denen Energieunternehmen und Stadtwerke mit Start-ups kooperieren, möchten wir als Fallbeispiele und Good-Practice Ansätze vorstellen.

4 Kooperations- und Investmentbeispiele von EVUs und Stadtwerken mit Start-ups

1. Beispiel: Kooperation Thüga AG mit Eness und Geospin

Thüga AG beteiligt sich an PV-Speicher Anbieter und Lösungsanbieter für intelligente Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität

Die Thüga AG ist bereits 2016 beim Start-up Eness eingestiegen und beteiligte sich jüngst an dem Freiburger Start-up Geospin GmbH. Gemeinsam mit der Eness GmbH ist die Thüga AG dabei, den Markt für PV-Speicher-Systeme aufzurollen. Stadtwerke übernehmen den Vertrieb der Anlagen und Endkunden dürfen sich über einen hohen Eigenverbrauch von bis zu 65 Prozent aus ihren Anlagen freuen. Eness unterstützt die Stadtwerke zudem mit fachlichem Rat und umfangreichen Serviceleistungen.

Mit der Beteiligung an Geospin hat sich die Thüga den Zugriff auf innovative Softwarelösungen gesichert, um eine intelligente Ladeinfrastruktur für die Elektromobilität auf- und auszubauen. Die Geospin GmbH nutzt Geodaten und setzt selbstlerndende Algorithmen für die Bedarfsermittlung von Ladeinfrastruktur ein und die Ermittlung der besten Stellplätze für Ladesäulen.

„Stadtwerke sind nicht nur als Betreiber von Ladeinfrastruktur für Elektromobilität die Schlüsselakteure für Smart Cities,“ erklärt Dr. Matthias Cord, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Thüga Aktiengesellschaft in einer Pressemeldung. „Das Know-how von Geospin können unsere Partnerunternehmen auch für viele weitere Anwendungsfälle wie beispielsweise die Prognose lokaler Ausbaubedarfe für das Verteilnetz nutzen.“

Für das Anbahnen und Einbinden von weiteren innovativen Startups betreibt die Thüga-Gruppe eine Innovationsplattform.

2. Beispiel: Kooperation lekker Energie mit Berliner Start-up MieterEngel

lekker Energie erweitert Strom- und Gasangebot um Mieterschutz

Mit seinem Investment an dem Berliner Start-up MieterEngel begibt sich der bundesweite Strom- und Gasanbieter, lekker Energie, in ein neues Geschäftsfeld. Die MieterEngel betreiben eine Online-Plattform für Mieter. Mit einer Clubmitgliedschaft im Online-Mieterschutz-Club können sich Mitglieder fachlichen Rat und Hilfe über ein Partnernetzwerk, dem auf Mietrecht spezialisierte Anwälte angehören, schnell und bequem einholen.

“Mit dem Einstieg bei MieterEngel beschleunigen wir unsere Digitalisierungsstrategie. Wir reagieren darauf, dass sich der Vertrieb von Vertragsprodukten wie Strom und Gas immer stärker im Internet abspielt. Diese Entwicklung betrifft viele Branchen, so auch die Verlags- oder Versicherungswirtschaft. Alle stehen vor der Herausforderung, Kunden zu akquirieren und mit Service und attraktiven Zusatzangeboten zu halten. Um die Vertriebschancen für neue Produkte zu testen, braucht es eine zukunftsfähige IT-Plattform, Service-Exzellenz und einen agilen Vertrieb. Hier können wir von einem Start-up viel lernen, dem es gelungen ist, das bislang analoge Geschäft Mieterberatung über eine Online-Plattform abzuwickeln.“ so Josef Thomas Sepp, Sprecher der Geschäftsführung bei lekker in einer Pressemeldung.

lekker Energie verbindet damit die Geschäftsbereiche Strom, Gas und Mieterberatung aus einer Hand.

3. Beispiel: Kooperation ENTEGA mit LED-Spezialist Luxstream

ENTEGA setzt auf moderne LED-Beleuchtung für Straßen

Mit seiner Beteiligung an dem auf LED-Leuchtmittel spezialisierten Start-up Luxstream hat auch der Energieversorger ENTEGA vergangenes Jahr im April Neuland betreten.

“Wir erhoffen uns durch das Engagement deutliche Synergien, denn bis zum Jahr 2020 statten wir insgesamt 24.000 Straßenleuchten in der Region Darmstadt und Südhessen mit modernster LED-Technik aus. Da macht es Sinn, dass wir eigenes Know-how bündeln“, sagt Dr. Marie-Luise Wolff-Hertwig, Vorsitzende des Vorstands der ENTEGA AG.

Mit einer frühen Beteiligung an Start-ups setzt die ENTEGA AG Innovationsimpulse und schafft sich die Basis für die Weiterentwicklung des eigenen Geschäftsmodells.

4. Beispiel: Energieversorgungsunternehmen Oberhausen AG mit TURBONIK

Energieversorgung Oberhausen AG (evo) betreibt Mikro-Dampfturbine Pilotanlage zur Abwärmeverstromung

Die TURBONIK GmbH, ein Spin-off des Fraunhofer Instituts UMSICHT, hat nach jahrelanger Forschungsarbeit eine Mikro-Dampfturbine entwickelt. Mit ihr kann Energie aus Dampf, der bei industriellen Prozessen entsteht, gewonnen werden. Bislang lohnte sich die Art der Stromerzeugung nicht, da die Wirkungsgrade von konventionellen Dampfturbinen zu gering waren. Das haben die Entwickler und Gründer der TURBONIK GmbH nun geändert. Sie ermöglichen damit die Nutzung von Abwärme aus Industrieprozessen. Erster Praxispartner ist die Energieversorgung Oberhausen AG (evo).

Gemeinsam mit dem TURBONIK-Team haben sie im vergangenen Jahr ein Pilotprojekt gestartet und die erste Turbine an das Fernwärmesystem der evo angeschlossen. Mit 70 Kilowatt an Leistung produziert die Turbine nun ca. 300.000 Kilowattstunden Strom und vermeidet 90 Tonnen Kohlendioxid im Jahr. Mit dem Strom lassen sich über 60 Vier-Personen-Haushalte versorgen. Die Turbine ist für viele Einsatzorte geeignet. Quasi überall dort, wo ein Kessel zur Dampfproduktion zur Verfügung steht.

Wer von Euch kennt weitere Best-Practice Beispiele für Kooperationen von Stadtwerken und Energieversorgern mit Start-ups? Wenn Euch Kooperationsbeispiele einfallen, schreibt uns oder nutzt unsere unten stehende Kommentarfunktion.

Ihr könnt uns auch via Social Media:  Twitter @energiefm, Facebook @energiefuermorgen oder in unsere #Slack Community posten. Eure Hinweise nehmen wir herzlich auf. Ein großes Dankeschön vorab!

Revolutionäre Technik für die 2. Phase der digitalen Transformation

Immer mehr digitale Plattformen sprießen aus dem Boden. Sie geben im Zuge der Plattformökonomie Anstoß für neue Geschäftsprozesse sowie Anbieter-Kunden-Konstellationen. Insgesamt verändern Technologien alles um uns herum und somit auch die Unternehmen. Während im vergangenen Jahrhundert Produkte, wie Fernseher, Radio, Computer, Kühlschrank, Waschmaschine, Telefon und Auto eine revolutionäre Technik darstellten, die Einzug in jeden Haushalt hielten. Sind es heute im weitesten Sinn Festplatten, Server, Clouds, Apps, Gadgets, wie Smartphones, Tablets, computerfähige Fernseher oder andere smarte Geräte.

Inzwischen steht die zweite Generation Software in den Startlöchern. Gemeint sind künstliche Intelligenz, Big Data, Deep Learning, Internet-of-Things, Blockchain und Co. Sie werden künftig alle Bereiche modernen Lebens via smarter Technologien verbinden, riesige Datenmengen nutzen und auswerten sowie komplexe Systeme autonom regeln und steuern.

Ähnlich wie vor mehr als hundert Jahren das elektrische Licht die Welt aus der Dunkelheit holte und zum Erleuchten brachte, wird in Zukunft eine Welt ohne IT-Technik kaum noch denkbar sein – so auch im Energiebereich.

 

Fortsetzung folgt …

 

 


Über die Autorin:

Dr. Katja Reisswig, Jahrgang 1978; freie Redakteurin für Digitale Kommunikation und Bloggerin, technewable.com. Seit 2017 beteiligt an der EFM – Open Innovation Initiative via Social Media / Slack, seit 2018 Gastbloggerin für das EFM-Blog.

Titelbild: daviden / 123RF Standard-Bild

Bild Strommasten: ginasanders / 123RF Standard-Bild

 


Zurück zur Übersicht

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz
Thanks!

EFM-Newsletter

Energie-Informationen frisch auf den Tisch!

Mit der Anmeldung bestätigen Sie die Verarbeitung der E-Mail-Adresse gem. Datenschutzerklärung.

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetuer adipiscing elit. Aenean commodo ligula eget dolor. Aenean massa. Cum sociis natoque penatibus et magnis dis parturient montes, nascetur ridiculus mus. Donec quam felis, ultricies nec, pellentesque eu, pretium quis, sem. Nulla consequat massa quis enim. Donec pede justo, fringilla vel, aliquet nec, vulputate eget, arcu. In enim justo, rhoncus ut, imperdiet a, venenatis vitae, justo. Nullam dictum felis eu pede mollis pretium. Integer tincidunt. Cras dapibus. Vivamus elementum semper nisi. Aenean vulputate eleifend tellus. Aenean leo ligula, porttitor eu, consequat vitae, eleifend ac, enim.