Plattformökonomie – ein Weg für EVUs und Stadtwerke in die digitale Zukunft?

Welche Wege EVUs und Stadtwerken offenstehen (bzw. welche Hürden zu nehmen sind), um in die Plattformökonomie einzusteigen, zeigt der folgende Beitrag. Ihn möchten wir als Aufhänger für unseren Quantum QOSMOS Kundentag 2018 am 3. Mai nehmen, bei dem es u.a. um das Thema “Digitale Mobilitätsplattformen (Parallelen zum Energiemarkt von morgen?)“ geht.

Zunächst einmal geben wir Euch eine kurze Begriffsklärung an die Hand, was der sperrige Begriff Plattformökonomie eigentlich bedeuten soll. Dann gibt es einen kleinen Einblick in eine lesenswerte Studie, in der sich die Autoren intensiv mit digitalen Plattformen auseinandersetzen. Wir fassen die wichtigsten Punkte für Euch zusammen und nach der Theorie stürzen wir uns in die Praxis. Hier stellen wir Euch ein paar spannende Beispiele digitaler Plattformen aus der Energiewirtschaft vor. Doch eins nach dem anderen.

Was kennzeichnet digitale Plattformen?

Charakteristisch für digitale Plattformen ist, sie verknüpfen zwei oder mehrere unterschiedliche Akteursgruppen aus demselben Marktumfeld. Im Grunde geht es bei digitalen Plattformen um die effiziente Gestaltung von Gruppeninteraktionen. Hierbei gilt: Je größer die Gruppen, die sich über eine Plattform austauschen, desto mehr können sie wechselseitig voneinander profitieren.

Das Ziel von Plattformen ist demnach möglichst viele Menschen anzuziehen, die über sie interagieren. Damit geben Plattformen Anstoß für neue Geschäftsprozesse. Sie verändern bestehende Anbieter-Kunden-Konstellationen. Durch sie können sich erstens neue Geschäftsmodelle herauskristallisieren, lassen sich zweitens Transaktionskosten reduzieren und entstehen drittens Netzwerkeffekte als drei charakteristische Merkmale digitaler Plattformen.

Welche Art von Geschäftsmodellen gibt es in der Plattformökonomie?

Der Plattformökonomie sind keine natürlichen Grenzen gesetzt, wie es im analogen Business der Fall ist, wo der Markt auch schon einmal an der Stadt(-werk)grenze endet. Entscheidend jedoch ist wie immer, dass die Geschäftsmodelle aufgehen und dass sich nachhaltig Einnahmen generieren lassen. Eine Untersuchung zum Thema „AUTONOMIK Industrie 4.0. Eigenschaften und Erfolgsfaktoren digitaler Plattformen“ im Auftrags des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) hat zwei Plattformmodelle erarbeitet. Sie dienen als „Blaupause“ für ein allgemeines Verständnis von digitalen Plattformen. Wir stellen sie kurz vor.

Auf der einen Seite handelt es sich um sogenannte „transaktions-zentriere“ und auf der anderen um „daten-zentrierte“ Plattformen.

Bei erstgenanntem tritt die Plattform als digitaler Marktplatz auf. Sie übernimmt die Aufgabe eines „Intermediärs“, sprich Vermittlers. Ganz klassisch werden hier Angebot und Nachfrage für die Abwicklung von Geschäften zusammengebracht, nur eben auf digitalem Weg. Beispiele für digitale Marktplätze in der Energiewirtschaft sind Verivox, Milk the Sun, enyway oder e.less.

Bei den daten-zentrierten Plattformen geht es um eine datenbasierte Vernetzung. Bei dieser entsteht ein Gesamtsystem, bei der Daten das Grundgerüst für das Entstehen eines digitalen Ökosystems sind. In diesem werden Hardware, Software, Daten, Services zu sich ergänzenden Produkten zusammengefügt. Beispiele für datenzentrierte Plattformen sind Lumenaza, enmacc oder awebu.

Die eben genannten Beispiele zeigen, wie sich digitale Plattformen auch für die Energiebranche umsetzen und nutzen lassen. Ihre digitalen Plattformlösungen stellen wir Euch jetzt kurz etwas näher vor.

Sieben Fallbeispiele für die Plattformökonomie in der Energiewirtschaft

1. Fallbeispiel: Verivox

Verivox ist ein Vergleichsportal für Verbraucher. Es unterstützt sie dabei, günstige und passende Service-Angebote zu finden. Als Business-to-Customer-(B2C) Plattform besteht Verivox schon seit 1998. Ursprünglich lag der Fokus auf den Vergleich und die Vermittlung von Telekomunikations- sowie Strom- und Gastarifen. Inzwischen verfügt Verivox über 29.000 gelistete Tarife und damit ein weitreichendes Portfolio. Mehr als 8 Millionen Transaktionen erfolgten über die Plattform. 2017 lag der Jahresumsatz bei 127 Millionen Euro. Kundenservice- und Kundenkommunikation sind zentrale Elemente. Als erstes deutsches Vergleichsportal bietet Verivox seit letztem Jahr Strom- und Gaskunden via Amazon Sprachassistenten Alexa sprachgesteuerte Tarifvergleiche an.

2. Fallbeispiel: enyway

Das Hamburger Startup enyway hat sich zum Ziel gesetzt, die Strom-Direktvermarktung mit einem neuartigen Peer-to-Peer Marktplatz zu revolutionieren. Das Besondere ist, dass hier die Stromkäufer selbst ihren Stromanbieter sprich Erzeuger auswählen. Der Nutzer der Plattform entscheidet somit über Art und Herkunft des erzeugten Stroms. Die Plattform erzeugt einen persönlichen Bezug zwischen Anbietern und Abnehmern. Anlagenbetreiber erhalten über die Plattform umfangreiche Serviceleistungen angeboten und werden in ihrer Rolle als Direktvermarkter unterstützt. Stromabnehmer zahlen zu ihren Verbrauchskosten eine Grundgebühr und einen Nutzungsbeitrag.

3. Fallbeispiel: e.less

Das Augsburger Jungunehmen e.less hat sich auf die Vermittlung passender Energieversorgungsangebote für Gewerbekunden spezialisiert. In nur wenigen Minuten können hier Gewerbe- und Industriekunden Tarife vergleichen und sich für ein passendes Angebot entscheiden. Der Vertragsabschluss erfolgt ebenfalls online. Energieversorger können die Plattform für ihren digitalen Vertrieb nutzen. Kunden erhalten auf schnelle, einfache Weise Energie.

4. Fallbeispiel: Lumenaza

Das Unternehmen Lumenaza hat eine Software-Plattform erstellt. Mit ihrer „Utility in a box“ Lösung ermöglichen sie es Energieversorgern, Verbrauchern, Erzeugern sowie Batterie- und Elektromobilbesitzern neue dezentrale Transaktionen einzugehen. Anlagen lassen sich beispielsweise mit ihrer Lösung steuern. Strom kann von kleinen Anlagen gekauft und an Endkunden verkauft werden. Ebenso lassen sich Bilanzkreise verwalten und Echtzeitdaten von Marktteilnehmern darstellen. Lumenaza verschafft seinen Kunden vielseitige Spielräume, um neue Energieprodukte zu entwickeln, Services anzubieten oder als Direktvermarkter aufzutreten.

5. Fallbeispiel: Milk the Sun

Milk the Sun ist ein Online-Marktplatz, auf dem mit PV-Anlagen und Projektrechten gehandelt wird. Nutzer können über die Plattform in Solaranlagen investieren. Sie können aber auch als Verkäufer auftreten und Solaranlagen verkaufen. Eine weitere Nutzung besteht über die Akquise von Projektrechten. Neben dem PV-Marktplatz bietet Milk the Sun zahlreiche Zusatzleistungen an, beispielsweise die Anlagenverwaltung oder Dienstleistungsangebote rund um den Kauf/Verkauf, Betrieb und die Optimierung von Solaranlagen. Mehr als 25.000 registrierte Nutzer zählt das Portal derweil.

6. Fallbeispiel: enmacc

Das junge Unternehmen enmacc aus München ist eine Plattform für den bilateralen Energiehandel. Es unterstützt seine Nutzer bei der Energiebeschaffung, indem es Prozesse digitalisiert. Mittels one-click Trading und dem Einsatz von Tools wird der Energiebeschaffungsprozess vereinfacht. Die enmacc Plattform erschließt für seine Kunden neuartige Handels- und Geschäftsoptionen. Sie unterstützt bei der effizienten Abwicklung von Geschäften, insbesondere auch in Bereichen, für die sich bislang ein manueller Aufwand nicht lohnte. Mit zwei Handelsschirmen, entender und enmarket, bietet sie zum einen eine unabhängige Ausschreibungsplattform für Standard- und Nicht-Standard Energieprojekte an und zum anderen einen offenen Marktplatz für bilateralen one-click Handel von Strom- und & Gas Standard-Produkten.

7. Fallbeispiel: awebu

Das awebu EVU-Portal dient kommunalen Energieunternehmen zur Kundenbindung und Neukundengewinnung. Es ist als Whitelabel-Lösung konzipiert, mit der sich Websites von EVUs erweitern lassen. Diese können über das Portal Kunden attraktive Zusatzangebote unterbreiten. Es verschafft Kontaktpunkte zum Endkunden und sorgt bei diesem, beispielsweise durch Bezugnahme auf Regionalität, für positive Kundenerlebnisse. Individuell für Kunden einsetzbare, innovative Tools und Features stehen für die Kundenbindung zur Verfügung. Zudem bietet awebu Raum zum Erschließen neuer Geschäftsmodelle.

In welchen weiteren Bereichen sich Energie-Startups mit Plattformlösungen für die Energiewirtschaft beschäftigen, zeigt unser EFM-Innovationsradar. Unsere These: Je mehr und je jünger, desto heißer das Thema!

Innovationsradar zeigt Trendthemen bei Startsups aus dem IKT und Digitale Lösugen

EFM-Innovationsradar zeigt Trendthemen bei Startsups aus dem Bereich IKT sowie digitale Lösungen

Wie unterscheiden sich digitale Geschäftsmodelle von analogen?

Die auf Transaktionen ausgerichteten Plattformen kommen denen „klassischer Vermittlermarktplätze“ nah, die wir auch in der analogen Wirtschaft vorfinden. Als digitale Marktplätze nutzen sie jedoch zur Verfügung stehende Technologien, zum Beispiel für das Suchen und Finden von Angeboten oder das Einbinden von Bewertungs- und Empfehlungsmechanismen. So wird beispielsweise Kunden-Feedback nicht mehr manuell auf Papier, sondern über Online-Bewertungstools eingeholt – entweder per Klick auf Bewertungssymbole oder per Online-Rezensionen, die für alle anderen Kunden einsehbar sind.

Wie auch bei analogen Geschäftsmodellen geht es bei digitalen darum, Kunden zu gewinnen und zu halten. Wesentlicher Unterschied ist, dass sich bei digitalen Geschäftsmodellen der Zugang zum Kunden besser managen sowie leichter kontrollieren lässt. Die verfügbaren digitalen Instrumente sind den analogen deutlich überlegen. Technik rules! Gleichwohl müssen auch digitale Plattformen ihre Nutzer mit attraktiven Angeboten überzeugen und ihre Erwartungen erfüllen. Nur dann sind Kunden bereit, digitale Plattformen zu nutzen und lassen sich Umsätze generieren.

Hier unterscheiden sich die einzelnen Geschäfts-, als auch Preismodelle digitaler Plattformen. So verwerten öffentlich frei zugängliche digitale Marktplätze ihre hohen Nutzerzahlen zum Beispiel um Werbeeinahmen zu generieren. Einnahmen über Nutzungsentgelte, Gebühren oder erfolgsbasierte Provisionen sind ebenfalls denkbar. Bei digitalen Plattformen, die auf die Aufbereitung und Auswertung von Datenströmen setzen, sind Einnahmen über Zugangsgebühren oder Serviceleistungen, wie Datenauswertungen, möglich. Diese werden für komplementäre Produkte nutzerfreundlich aufbereitet.

Welche Herausforderungen bestehen bei digitalen Plattformen?

Viele digitale Plattformen generieren als Marktplätze Umsätze über Vermittlungsleistungen. Für sie sind hohe Nutzerzahlen erfolgsentscheidend. Am Anfang sind diese jedoch schwer zu erzielen, da sich die Plattform erst etablieren muss. Eine kritische Masse zu erreichen, ist somit das A und O für eine erfolgreiche digitale Plattform. Hier können strategische Partnerschaften eine Lösung darstellen. Allerdings nicht ganz ohne Risiko. Es besteht die Gefahr, dass Nutzer die Plattform als nicht unabhängig wahrnehmen und das mit Vertrauensentzug ahnden. Hinzu kommt, dass die Kosten zu Beginn hoch sind. In der Regel verlangen digitale Marktplätze die Einbindung externer Player.

Ein weiteres Spannungsfeld betrifft die Frage nach der Qualität und Zuverlässigkeit von Angeboten und Services versus Schnelligkeit, Wachstum und Agilität. Das unter einen Hut zu bekommen, stellt digitale Plattform-Anbieter unter Druck. Einfache, schlanke und zielgerichtete Angebote am Anfang können helfen, der Komplexität Herr zu werden. Diese können dann im Zuge und auf Basis von Kundenfeedback sukzessive ausgebaut werden.

Finally!

Wie die sieben Fallbeispiele gezeigt haben, gibt es reichlich Anwendungsmöglichkeiten und Geschäftsoptionen für digitale Plattformen in der Energiewirtschaft. Für Stadtwerke und Energieversorger lohnt es sich also, raus aus dem analogen Kämmerlein zu kommen und ihre digitale Zukunft entschlossen anzugehen. Ohne einen entsprechenden Organisationswandel kann eine Transformation in das digitale Zeitalter jedoch nicht gelingen.

Somit braucht es ebenso die Anpassung von Strategien, Strukturen, Prozessen und Entscheidungen, um nicht zuletzt das Wichtigste immer im Auge zu behalten, nämlich den Kunden. Werden seine Erwartungen und Wünsche erfüllt, zeigt sich das bei digitalen Plattformen schnell in Form wachsender Nutzerzahlen, die den Erfolg einer Plattform begründen.

Das Plattform-Rennen in der Energiewirtschaft hat gerade erst begonnen. Hier sind die Messen längst nicht gesungen. Nur reicht es bei Weitem nicht aus, einfach nur online mit einem Shopsystem präsent zu sein. Anspruchsvolle Kunden an den digitalen Orten abholen, an denen die Kundenkontaktpunkte sind – das ist die zentrale Herausforderung. In Zukunft werden das nicht nur Desktops, Laptops und Smartphones sein. Schon heute sind mehr Kunden mobil via Smartphone unterwegs. Künftig kommen SmartHome, SmartMobile, SmartBuilding, SmartClothes etc. hinzu. Wer heute bereits an die Lösungen von morgen denkt, verschafft sich nicht nur Präsenz, sondern Wettbewerbsvorteile durch digitale Kundenzugänge.

 

Titelbild-Quelle: ndul / 123RF Standard-Bild


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